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Sigmund Freud und die Religionen

C 18          Sigmund Freud

Sigmund Freud war ein bekennender Atheist. Das ergibt sich nicht nur aus seinen religionskritischen Schriften, sondern auch aus einem persönlichen Bekenntnis, über das ich nachstehend berichten und aus dem ich zitieren werde.  

Freud hatte im Jahre 1927 mit einem amerikanischen Journalisten ein religiöses Gespräch geführt, in dem er deutlich seinen Atheismus bekannt hatte. Nach der Veröffentlichung erhielt Freud von einem Leser eine Zuschrift, in der dieser ihn aufgrund eines von ihm erfahrenen religiösen Erlebnisses zum Glauben bekehren wollte.

 Über den weiteren Verlauf referiert Freud wie folgt:

Ich antwortete höflich, dass ich mich freue zu hören, es sei ihm durch ein solches Ereignis möglich geworden, seinen Glauben zu bewahren. Für mich habe Gott nicht so viel getan, er habe mich nie eine solche innere Stimme hören lassen und wenn er sich – mit Rücksicht auf mein Alter – nicht sehr beeile, werde es nicht meine Schuld sein, wenn ich bis zum Ende bleibe, was ich jetzt sei  —  an infidel jew“ (Ein religiöses Erlebnis in Freuds gesammelten Werken Bd.14 Fischer Taschenbuchverlag 1999).

Freud bekennt also, dass er ein ungläubiger Jude ist.  Als solcher hat er in seinen letzten Lebens- und Schaffensjahren die Entstehung und die Entwicklung der Religionen und des Phänomens „Gott“ in den menschlichen Kulturen untersucht.

An dieser Stelle möchte ich deutlich machen, dass in diesem Essay über Gott Sigmund Freud eine herausragende Bedeutung zukommt. Er hat nämlich nicht nur in mehreren wegweisenden Arbeiten die Entfaltung und Struktur der menschlichen Religiosität analysiert, sondern hat in noch größerem Maße das Wesen des Menschen erforscht. Da der Mensch der Schöpfer und Gestalter des Gottesgedankens ist, werden mir die einschlägigen Erkenntnisse Freuds im letzten Teil D dieses Essays, wenn ich selbst die Gottesfrage beantworten will, von erheblichem Nutzern sein.

 Nachstehend aber, also im Teil C des Essays, werde ich kurz zusammenfassend Freuds Arbeiten über Gott und die Religionen darlegen und gegebenenfalls kommentieren.

Ich beginne mit einem Werk, das Freud in seinem letzten Lebensjahr, als anno 1939 fertiggestellt hat.

Es handelt sich um die Ausarbeitung: „Der Mann Moses und die monotheistischen Religionen“.

Freud stellt hier die kühne These auf, dass Moses kein Jude, sondern ein Ägypter war. Aus dieser Behauptung leitet er weitere Ereignisse ab, die nicht mit der biblischen Darstellung übereinstimmen und die er letztlich dazu verwendet, um die Entstehung der Religionen zu begründen.

Im ersten Teil seiner Moses Studie belegt Freud seine Ansicht, dass Moses ein Ägypter sei, mit zwei Argumenten: Einmal ist „Mose“ ein ägyptischer Name und bedeutet „Kind“. Zum anderen sei die biblische Darstellung der Herkunft des Moses eine politische Umdeutung der wirklichen Umstände. Danach ist Moses nicht das Kind hebräisch levitischer Eltern, sondern von vornehmer ägyptischer Geburt.  Wie Freud diese Vermutung begründet, vermittele ich mit dem nachfolgenden Zitat aus seinem Essay:

„Wir kehren zu den zwei Familien des Mythos zurück. Wir wissen, auf dem Niveau sind sie identisch, auf mythischen Nivea unterscheiden sie sich als die vornehme und die niedrige. Wenn es sich aber um eine historische Person handelt, an die der Mythos geknüpft ist, dann gibt es ein drittes Niveau, die Realität. Die eine Familie ist die reale, in der die Person, der große Mann, wirklich geboren und aufgewachsen ist; die andere ist fiktiv, vom Mythos in der Verfolgung seiner Absichten erdichtet. In der Regel fällt die reale Familie mit der niedrigen, die erdichtete mit der vornehmen zusammen.

Im Falle Moses schien irgendetwas anders zu liegen. Und nun führt vielleicht der neue Gesichtspunkt zur Klärung, dass die erste Familie, die, aus der das Kind ausgesetzt wird, in allen Fällen, die sich verwerten lassen, die erfundene ist, die spätere aber, in der es aufgenommen wird und aufwächst, die wirkliche.

Haben wir den Mut, diesen Satz als eine Allgemeinheit anzuerkennen, der wir auch die Mosessage unterwerfen, so erkennen wir mit einem Male klar, Moses ist ein-wahrscheinlich vornehmer—Ägypter, der durch die Sage zum Juden gemacht werden soll  (Sigmund Freud, Gesammelte Werke,  Fischertaschenbuchverlag  1999 Bd.16 S.111/112).

Zu Recht fordert Freud bei dieser Umdeutung Mut, weil sie lediglich auf einer freudschen Fiktion basiert, die keine nachvollziehbare Tatsachengrundlage hat. Er konstatiert ohne Begründung, dass prominente Personen der Historie gegebenenfalls in vornehmen Familien geboren werden und dort aufwachsen, ihr Heldenleben aber in Familien minderen Ranges entfalten. Und dieser Deutung unterwirft er auch die Mosessage.

 Freud ist sich der Waghalsigkeit seiner Spekulation durchaus bewusst und trägt selbst die Argumente vor, die gegen seine Annahmen sprechen.

 „Die Einwendungen werden wohl lauten, dass die Verhältnisse der Bildung und Umgestaltung  von Sagen doch zu undurchsichtig sind, um einen Schluss wie den unsrigen zu rechtfertigen, und dass die Traditionen über die Heldengestalt in ihrer Verworrenheit , ihren Widersprüchen, mit ihren unverkennbaren Anzeichen von jahrhundertelang fortgesetzter tendenziöser Umarbeitung und Überlagerung alle Bemühungen vereiteln müssen, den Kern von historischer Wahrheit dahinter ans Licht zu bringen. Ich selbst teile diese ablehnende Einstellung nicht, aber ich bin auch nicht imstande, sie zurückzuweisen (a.a.O. S. 1123/113).

Schließlich fragt sich Freud, warum überhaupt er diese neue Theorie über Moses Herkunft veröffentlicht habe. Er rechtfertigt sich wie folgt:

„Lässt man sich nämlich von den beiden hier angeführten Argumenten hinreißen, und versucht Ernst zu machen mit der Annahme, dass Moses ein vornehmer Ägypter war, so ergeben sich sehr interessante und weitreichende Perspektiven“ (a.a.O. S.113)

Dieses gewünschte Ergebnis soll besser den jüdischen Monotheismus erklären können und als konkretes Beispiel dafür dienen, wie die Religion der Menschen entstanden ist.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Freuds Studie über Moses kein Werk aus einem Guss ist, sondern eine Zusammenstellung von drei Aufsätzen die er zwischen 1937 und 1939 veröffentlicht hat.

Dem zweiten Aufsatz, der nun zu betrachten ist, gibt Freud die Überschrift „Wenn Moses ein Ägypter war“ und unterstreicht damit den spekulativen Charakter seiner bisherigen und seiner weiteren Ausführungen.

Trotz des unüberwindlichen Gegensatzes zwischen der Vielgötterei der Ägypter und strengen Monotheismus der Juden findet Freud ein Argument, dass Moses als Ägypter den Juden die Eingottreligion offenbaren kann.

Freud betrachtet nämlich die kurze historische Phase Ägyptens, in der   der reformatorische Pharao Echnaton den Sonnengott Aton als Reichgott einführte und damit den bisherigen Hauptgott Amon und dessen Nebengötter entmachtete.  

„Wir werden dem König aber nicht gerecht, wenn wir ihn nur als den Anhänger und Förderer einer schon vor ihm bestehenden Atonreligion betrachten. Seine Tätigkeit war weit eingreifender. Er brachte etwas Neues hinzu, wodurch die Lehre vom universellen Gott erst zum Monotheismus wurde, das Moment der Ausschließlichkeit. In einer seiner Hymnen wird es direkt ausgesagt: „O Du einziger Gott, neben dem kein anderer ist“ (a.a.O. S. 120)“.

Dieser Prozess verlief nicht reibungslos, sondern war durch starke Widerstände der traditionellen Religion gekennzeichnet. Nach dem Tod Echnatons brach sein intellektueller Gottesentwurf zusammen und an dessen Stelle traten wiederum die alten Volksgötter.

Die Atonreligion und ihr Ende ist für Freud die Vorlage, Moses, den von ihm berufenen Ägypter, mit einer neuen Religion auszustatten, die viele Züge der späteren  jüdischen Religion enthält und  mit der er die versklavten Juden gewinnen konnte.

Wir möchten jetzt den Schluss wagen: wenn Moses ein Ägypter war und wenn er den Juden seine eigene Religion vermittelte, so war es die des Ikhnaton (des Echnaton), die Atonreligion“ (a.a.O. S.123)

Freud vergleicht die beiden Religionen und gelangt zu starken Übereinstimmungen.

„Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten beider Religionen sind leicht ersichtlich …..Beide sind Formen eines strengen Monotheismus…Der jüdische Monotheismus benimmt sich in manchen Punkten noch schroffer als der ägyptische, z.B. wenn er bildliche Darstellungen überhaupt verbietet.

Ein drittes Argument, Moses für einen Ägypter zu halten, sieht Freud in dem Umstand, dass Moses den versklavten Juden die in Ägypten übliche Beschneidung oktroyiert hat.

Im weiteren Verlauf seiner Untersuchungen kommt Freud zu dem Ergebnis, dass der in ägyptischen  Hierarchie hochrangige  Moses in seiner persönlichen Not, verursacht durch die gewalttätige, staatliche Abkehr des von ihm vertretenen Atonglauben hin zur  traditionellen Vielgötterei sich zum  Führer der im Frondienst leidenden Hebräer aufgeschwungen und diese aus Ägypten nach Kanaan geführt hat.  Dort, in der religiösen Angleichung der Mosesreligion, also des Atonglaubens, an die von den eingeborenen hebräischen Stämmen praktizierte Verehrung des strengen Vulkangottes Jahve sei Moses von seinen Leuten erschlagen worden.

Jetzt halte ich inne und frage mich, ob die freudsche Moses Studie meinem Essay dienlich ist, in dem es u.a.  darum geht, die Gotteskonzepte der Menschen zu erkunden. Freud scheint uns eine romanhafte, kühne und brillant erzählte Umdeutung der biblischen Ereignisse zu präsentieren ohne mein Kernthema zu berühren.

Aber tatsächlich verfolgt Freud in seiner Studie ein größeres Ziel und diese Zielsetzung entspricht auch den Interessen meines Essays. Freud will darlegen, wie der Monotheismus als menschliches Gedanken-und Phantasieprodukt historisch entstanden ist. Das ist ein Projekt, das ihn seit Beginn des 20.Jahrhunderts beschäftigt hat und das erst in seinem letzten Lebensjahr abgeschlossen wird.

Im Jahre 1912 hatte er sein hoch spekulatives Werk „Totem und Tabu“ veröffentlicht, in dem er einen Vatermord in der Frühgeschichte der Menschheit als Ursache für den Monotheismus behauptet.  In den folgenden Jahrzehnten hat er immer damit gerungen, diese seine Theorie durch ein konkretes historisches Ereignis zu stützen.  Dazu hat er sich die Geschichte des Moses auserkoren und dessen biblischen Werdegang, wie oben beschrieben verändert.    

Mit einer Reihe von Zitaten und eigenen Erklärungen möchte ich diesen höchst raffiniert dargestellten Stützungs-und Verschmelzungsprozess nachstehend schildern.

Eine von Freud selbst formulierte Zusammenfassung seines Essays „Totem und Tabu“ finden wir in seiner Autobiografie, der 1925 erstmals veröffentlichten „Selbstdarstellung“.  

Nachdem der Autor berichtet hat, von welchen Wissenschaftlern er maßgebliche Hinweise und Anregungen für seine Theorie erhalten hat, führt er folgendes aus:

„Nahm ich die Darwin’sche Vermutung hinzu, dass die Menschen ursprünglich in Horden lebten, deren jede unter der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen und eifersüchtigen Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen Komponenten die Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision des folgenden Hergangs:

Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter Despot alle Frauen für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen gefährlichen Söhne getötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich diese Söhne zusammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemeinsam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat waren sie außerstande, sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen im Wege stand.  Unter dem Einfluss des Misserfolges und der Reue lernten sie, sich miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Bruderclan durch die Satzungen des Totemismus, verzichteten insgesamt auf den Besitz der Frauen, um welche sie den Vater getötet hatten. …..Die Totenmahlzeit war eine Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das Schuldbewusstsein der Menschheit ( die Erbsünde ) herrührte, mit der soziale Organisation, Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang nahmen. 

Ob nun eine solche Möglichkeit anzunehmen ist oder nicht, die Religionsbildung war hiermit auf den Boden des Vaterkomplexes gestellt… Nachdem der Vaterersatz durch das Totemtier verlassen war, wurde der gefürchtete, und gehasste, verehrte und beneidete Urvater selbst das Vorbild Gottes.

Der Sohnestrotz und seine Vatersehnsucht rangen miteinander in immer neuen Kompromissbildungen, durch welche einerseits die Tat des Vatermords gesühnt, andererseits deren Gewinn behauptet werden sollte. Ein besonders helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf die psychologische Fundierung des Christentums, in dem ja die Zeremonie des Totenmahls noch ein wenig entstellt als Kommunion fortlebt.“ (Selbstdarstellung S. 93 und 94 in Gesammelte Werke, Fischer Taschenbuch 1999 Bd.14)

Diese grundlegenden Hypothesen, also diese unbewiesenen Annahmen oder wie Freud es bewertet, diese Visionen aus dem Jahre 1912 versucht Freud in den kommenden Jahrzehnten bis zu seinem Tod, an einer allgemein anerkannten Erzählung der Weltliteratur, also an der biblischen Geschichte des Moses, die er für seine Zwecke passend macht , zu verifizieren. Das geschieht in drei großen Aufsätzen, die, wie oben schon ausgeführt, in seiner Studie „Der Mann Moses“ zusammengefasst sind und deren erste zwei Berichte wir schon behandelt haben.

Im nächsten Schritt gehen wir  jetzt mit Freuds Erkenntnissen aus „Totem und Tabu“ in den dritten abschließenden Aufsatz seiner Moses Studie, wo die abschließende Synchronisation der beiden Spekulationen (der veränderte Mann Moses/ der Vatermord der Urhorde mit späterer Vergöttlichung des Opfers)/ stattfindet. 

„Unzweifelhaft war es ein gewaltiges Vatervorbild, das sich in der Person des Moses zu den armen jüdischen Fronarbeitern herabließ, um ihnen zu versichern, dass sie seine geliebten Kinder seien. Und nicht minder überwältigend muss die Vorstellung eines einzigen, ewigen, allmächtigen Gottes auf sie gewirkt haben, dem sie nicht zu gering waren, , um einen Bund mit ihnen zu schließen, und der für sie zu sorgen versprach, wenn sie seiner Verehrung treu blieben. Wahrscheinlich wurde es ihnen nicht leicht, das Bild des Mannes Moses von dem seines Gottes zu scheiden, und sie ahnten recht darin, denn Moses mag Züge seiner eigenen Person in den Charakter seines Gottes eingetragen haben wie die Zornmütigkeit und Unerbittlichkeit. Und wenn sie dann einmal diesen ihren großen Mann erschlugen, so wiederholten sie nur eine Untat, die sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet hatte und die, wie wir wissen, auf ein noch älteres Vorbild zurück ging“. (Der Mann Moses a.a.O. S 217/218)

Wenn Freud damit den Ursprung der Religion allgemein und den des Judentums spekulierend beschrieben hat, so muss er   – entsprechend dem Thema seiner Studie – noch die hypothetische Entwicklung seiner Vaterreligion zum Monotheismus darstellen.

 Hinsichtlich des Judentums bedarf es keiner weiteren Ausführungen, weil ihr Einzelgott sich vom Einzelgott Aton herleitet. Aton selbst hinwiederum ist ein Ergebnis der allgemeinen Entfaltung der Eingottesvorstellung aus der Vaterreligion Sie wird von Freud wie folgt veranschaulicht:

„..ich muss für die Ausfüllung der langen Strecke zwischen jener angenommenen Urzeit und dem Sieg des Monotheismus in historischen Zeiten sorgen. Nachdem das Ensemble von Brüderklan, Mutterrecht, Exogamie und Totemismus eingerichtet war, setzte eine Entwicklung ein, die als langsame „Wiederkehr des Verdrängten“ zu beschreiben ist……..

Die Wiederkehr des Verdrängten vollzieht sich langsam, gewiss nicht spontan, sondern unter dem Einfluss  all der Änderungen in den Lebensbedingungen, welche die Kulturbedingungen der Menschen erfüllen. Ich kann hier weder eine Übersicht dieser Abhängigkeiten noch eine mehr als lückenhafte Aufzählung der Etappen dieser Wiederkehr geben.

Der Vater wird wiederum das Oberhaupt der Familie, längst nicht mehr so unbeschränkt, wie es der Vater der Urhorde gewesen war. Das Totemtier weicht dem Gotte in noch sehr deutlichen Übergängen. Zunächst trägt der menschengestaltige Gott noch den Kopf des Tieres, später verwandelt er sich mit Vorliebe in dies bestimmte Tier, dann wird dies Tier ihm heilig und sein Lieblingsbegleiter oder er hat das Tier getötet und trägt selbst den Beinamen danach. Zwischen dem Totemtier und dem Gotte taucht der Heros auf, häufig als Vorstufe der Vergottung. Die Idee einer höchsten Gottheit scheint sich frühzeitig einzustellen, zunächst nur schattenhaft, ohne Einmengungen in die täglichen Interessen der Menschen. Mit dem Zusammenschluss der Stämme und Völker zu größeren Einheiten organisieren sich auch die Götter zu Familien, zu Hierarchien. Einer unter ihnen wird häufig zum Oberherrn über Götter und Menschen erhöht. Zögernd geschieht dann der weitere Schritt, nur einem Gott zu zollen und endlich erfolgt die Entscheidung, einem einzigen Gott alle Macht einzuräumen und keine anderen Götter neben ihm zu dulden. Erst damit war die Herrlichkeit des Urhordenvaters wiederhergestellt, und die ihm geltenden Affekte konnten wiederholt werden“ (Der Mann Moses a.a.O.  S.241/242).

Damit ist dargelegt, wie Freud sich spekulativ die menschheitsgeschichtliche Entwicklung des Gottesbildes vorstellt.

In seinem großen Essay „Die Zukunft einer Illusion“ (in Gesammelten Werken, Fischertaschenbuchverlag 1999) erforscht und erörtert Freud die Gründe, warum die Menschen sich Götter oder einen Gott erschaffen und diese oder diesen in organisierter Form verehren (Religion).

Nachstehend werde ich dieses komplexe Werk in der Folge seiner zehn Kapitel in der Weise zusammenfassen, dass die Argumentation Freuds ein überschaubares und nachvollziehbares Ganzes wird.

In den ersten beiden Kapiteln seiner Schrift sind weder Gottheiten noch religiöse Fragen Gegenstand seiner Betrachtung, sondern ausschließlich der menschlichen Kultur, die Freud mit der Zivilisation gleichsetzt. Aus der Kultur wird, wie Freud ab den Kapiteln drei und den folgenden erläutert, die Religion geboren.

Um diesen Entstehungsvorgang zu verstehen, muss man aber erkennen, warum die menschliche Kultur entstanden ist und wie sie funktioniert.

Der Mensch, der nicht, wie das Tier, durch Instinkte zu bestimmten Verhaltensweisen eingeregelt ist, sondern ursprünglich frei über seine Triebe verfügt, konnte in diesem Naturzustand keine lebensstabile und lebenswerte Existenz aufbauen:

„Es ist wahr, die Natur verlangte von uns keine Triebeinschränkungen, sie ließ uns gewähren, aber sie hat ihre besonders wirksame Art, uns zu beschränken, sie bringt uns um, kalt, grausam, rücksichtslos wie uns scheint, möglicherweise gerade bei den Anlässen unserer Befriedigung. Eben wegen dieser Gefahren, mit denen die Natur uns droht, haben wir uns ja zusammen getan und die Kultur geschaffen, die unter anderem auch unser Zusammenleben möglich machen soll. Es ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, , ihr eigentlicher Daseinsgrund, uns gegen die Natur zu verteidigen“ ( a.a.O.S. 336).  

Als Nächstes beschreibt Freud das Wesen der Kultur dahingehend, dass sie aus zwei Bereichen besteht. Sie umfasse einerseits das Wissen und Können, das die Menschen erworben hätten, um die Kräfte der Natur zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse abzugewinnen. Andererseits beinhalte sie alle Einrichtungen, die notwendig seien, um die Beziehungen der Menschen zueinander, und insbesondere die Verteilung der erreichbaren Güter zu regeln.

Die im allgemeinmenschlichen Interesse installierte Kultur fordert den Einzelmenschen erhebliche Opfer in Form von Triebverzichten ab, die als „schwer drückend“ empfunden werden. Diese Belastungen sind ein herausgehobener Gegenstand der freudschen kulturtheortischen Betrachtungen und finden ihren besonderen Niederschlag in der Schrift „Das Unbehagen in der Kultur und in dem hier bearbeiteten Essay „Die Zukunft einer Illusion“.

Die frühesten, die menschliche Kultur begründende und alle menschlichen Gruppierungen betreffende Verbote von Triebwünschen, führen zur Versagung von Inzest, Kannibalismus und der Mordlust. Viele Versagungen von minderer Schwere sind um diese drei Hauptelemente versammelt und verändern sich mit der Veränderung der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse.

 Ohne diese Beschwernisse weiter zu beschreiben kommt Freud am Ende des zweiten Kapitels überraschend zu folgenden Statement: „Das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer Kultur hat noch keine Erwähnung gefunden. Es sind ihre im weitesten Sinne religiösen Vorstellungen, mit anderen später zu rechtfertigenden Worten, ihre Illusionen“ (a.a.O. S335).

Die Bedeutung und die Notwendigkeit der Religion in der Kultur wird in dem nachstehenden Kapitel dargelegt

Neben den bisher vorgestellten Kulturbeschwerden, die von den Verzichten herrühren, die erforderlich sind, um ein erträgliches menschliches Zusammenleben zu ermöglichen, kommen jetzt die Belastungen hinzu, die die Natur und das Schicksal dem Menschen auferlegen:

„Aber kein Mensch gibt sich der Täuschung hin zu glauben, dass die Natur jetzt schon bezwungen ist; wenige wagen zu hoffen, dass sie einmal dem Menschen ganz unterworfen sein wird. Das sind die Elemente, die jedem menschlichen Zwang zu spotten scheinen, die Erde , die bebt, zerreißt, alles Menschliche und Menschenwerk begräbt, das Wasser, das im Aufruhr alles überflutet  und ersäuft, der Sturm, der es wegbläst, da sind die Krankheiten, die wir erst seit kurzem als die Angriffe anderer Lebewesen erkennen, endlich das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein Kräutlein gefunden wurde und wahrscheinlich keins gefunden werden wird. Mit diesen Gewalttaten steht die Natur wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich, rückt uns wieder unsere Schwäche und Hilflosigkeit vor Augen“ (a.a.O. S.336/337).

Bei dieser Summe von schweren Beeinträchtigungen stellt sich die Frage, ob die Kultur den ihr unterworfenen Menschen eine Erleichterung anbieten kann:

„Was für die Menschheit im Ganzen, so ist für den Einzelnen das Leben schwer zu ertragen. Ein Stück Entbehrung legt ihm die Natur auf, an der er Teil hat, ein Maß an  Leiden bereiten ihm die anderen Menschen, entweder trotz der Kulturvorschriften oder in Folge der Unvollkommenheit dieser Kultur.  Dazu kommt, was ihm die unbezwungene Natur – er nennt es Schicksal – an Schädigung zufügt……..Wie der Einzelne gegen die Schädigungen durch die Kultur und die Anderen reagiert, wissen wir bereits, er entwickelt ein entsprechendes Maß von Widerstand gegen die Einrichtungen dieser Kultur, von Kulturfeindschaft. Aber wie setzt er sich gegen die Übermächte der Natur, des Schicksals, zur Wehr, die ihm wie allen anderen, drohen“? (a.a.O. S. 337)

Die Kultur schafft Remedur! Unter diesen Leitsatz kann man die folgenden Erkenntnisse Freuds einordnen.

Die Übermächte der Natur und des Schicksals sind so niederdrückend, dass die sich bildende Kultur am Anfang und in ihrer Weiterentwicklung die religiöse Tröstung erfunden und entfaltet hat. Während Freud in seinen Schriften „Tabu und Totem“ sowie „Der Mann Moses“ die Genesis Gottes und der Religionen historisch in spekulativer Weise  betrachtet, beschreibt er im angesagten Kapitel drei  das Warum der Religionen, also die Gründe für ihr Entstehen, ihre Notwendigkeit und ihr Fortschreiten  in der menschlichen Gesellschaft.

Die Götter und später der eine Gott, alle entstanden aus der Vatersehnsucht, sollen das Leid und die Not, die aus den Zwängen der Kultur, aus den Schrecknissen der Natur und aus den Grausamkeiten des Schicksals entstehen, erklären und sinngebend relativieren und damit trösten und heilen.

„So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, geboren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerungen der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts. Es ist deutlich erkennbar, dass dieser Besitz den Menschen nach zwei Seiten beschützt, gegen die Gefahren der Natur und des Schicksals und gegen die Schädigungen aus der menschlichen Gesellschaft selbst“ (a.a.O. S, 340).

Als Vorbild für die Götter und verdichtet für den einen Gott dient die Vaterfigur, sei es nach Freud spekulativ historisch gesehen als der Urvater der Horde mit dem Angstpotential der Söhne oder nach Freud als der Vater des Alltags mit seinem liebenden und schützenden Wesen.

„Das Verhältnis zum Vater ist aber mit einer eigentümlichen Ambivalenz behaftet. Er war selbst eine Gefahr… So fürchtet man ihn nicht minder, als man sich nach ihm sehnt und ihn bewundert. Die Anzeichen dieser Ambivalenz des Vaterverhältnisses sind allen Religionen tief eingeprägt… Wenn nun der Heranwachsende merkt, dass es ihm bestimmt ist, immer ein Kind zubleiben, dass er des Schutzes gegen fremde Übermächte nie entbehren kann, verleiht er diesem die Züge der Vatergestalt, er schafft sich die Götter, vor denen er sich fürchtet, die er zu gewinnen sucht und denen er doch seinen Schutz überträgt. So ist das Motiv der Vatersehnsucht identisch mit dem, Bedürfnis nach Schutz gegen die Folgen der menschlichen Ohnmacht; die Abkehr der kindlichen Hilflosigkeit verleiht der Reaktion auf die Hilflosigkeit, die der Erwachsene anerkennen muss, eben der Religionsbildung ihre charakteristischen Züge“ (a.a.O. S. 346).

Wir wissen also jetzt, wie und warum nach Freud die Religionen entstanden sind und wie sie sich entwickelt haben.

Im zweiten Teil seines Essays, ab dem Kapitel fünf fragt sich Freud, wie die Religionen als Kulturgut zu bewerten und welche Konsequenzen aus dieser Bewertung zu ziehen sind.  

Es geht also jetzt in einem ersten Schritt darum, die religiösen Tatbestände im Hinblick auf ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu überprüfen. Sie sind, wie Freud formuliert (a.a.O. S.347), Lehrsätze, Aussagen über Tatsachen und Verhältnisseder äußeren oder inneren Realität, die etwas mitteilen, was man selbst nicht gefunden hat und die beanspruchen, dass man ihnen Glauben schenkt.

Religiöse Sachverhalte sind demnach Glaubensgegenstände mit der Erschwernis, dass man diese Lehren nicht wie die unendliche Anzahl der zu glaubenden Alltagsbehauptungen nachträglich verifizieren kann. Sie sind nämlich etwas, was man selbst nicht gefunden hat. Freud geht als mit der seit Kant selbstverständlichen philosophischen Erkenntnis davon aus, dass man Gott und die sonstigen metaphysischen Gegenstände nicht beweisen kann.

Die religiösen Glaubenszumutungen werden nach Freud durch drei Kriterien begründet:

Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr Anspruch gründet geglaubt zu werden, erhalten wir drei Antworten, die merkwürdig schlecht zusammenstimmen. Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon unsere Urväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir Beweise, die uns eben aus diesen Vorzeiten überliefert sind und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen“ (a.a.O. S.348).

Alle drei Glaubensbegründungen sind unerheblich. Die ersten Beiden, weil man nicht einen unbeweisbaren Satz durch einen anderen unbeweisbaren Satz authentifizieren kann. Das dritte Zumutungsmerkmalmist kein glaubensbergründete Element, sondern ein Machtinstrument zum Glaubenszwang.

Freud führt zwei weitere Konstrukte an, die dem Glauben den Wirklichkeisthintergrund vermitteln sollen:

„Der erstere ist das Credo quia adsurdum des Kirchenvaters.  Das will besagen, die religiösen Lehren sind den Ansprüchen der Vernunft entzogen, sie stehen über der Vernunft Man muss ihre Wahrheit innerlich verspüren, bracht sie nicht zu begreifen. Allein dieses Credo ist nur als Selbstbekenntnis interessant, als Machtanspruch ist es ohne Verbindlichkeit“ (a.a.O. .350).  

Neben dem Selbstbekenntnis durch das Credo kann man auch Gottesgewissheit durch ein starkes individuelles Überzeugungsgefühl oder durch einen ekstatischen Zustand erlangen.  Aber aus solchen persönlichen Einsichten kann man keine allgemeinen, alle Menschen betreffende Glaubensgewissheit herleiten, weil solche Erlebnisse nicht die Regel sind und nicht Auskunft über Gott geben, sondern nur den inneren religiösen Zustand der jeweiligen, diesen religiösen Zustand erlebenden  Einzelmenschen widerspiegeln.

„Der zweite Versuch ist der der Philosophie des „als ob“. Weil man dort eine Menge an Grundlosigkeit und Absurditäten akzeptiere, müsse dies auch für die so wichtigen und schwerwiegenden Glaubenszumutungen gelten. Diese These schmettert Freund kurz und bündig wie folgt ab: „Der durch die Künste der Philosophie in seinem Denken nicht beeinflusste Mensch wird sie nie annehmen können, für ihn ist mit dem Zugeständnis der Absurdität, der Vernunftwidrigkeit alles erledigt“ (a.a.O. S.351). 

An dieser Stelle schiebe ich einen Zwischengedanken ein, der sich mit meinem Zitierverhalten bezüglich der freudschen Schriften beschäftigt. Ich gebe Freud öfters als die bisher behandelten Philosophen wörtlich wieder, weil er seine Gedanken, auch wenn sie sehr kompliziert sind, glasklar und verständlich formuliert, sodass keine erläuternde Interpretation erforderlich ist.

Oft fragt man sich aber auch, wenn man eines seiner Essays gelesen, sich an seinen tiefen und revolutionären Gedanken erfreut und seine eleganten Formulierungskunst genossen  hat, was kann man von all den Erkenntnissen jetzt getrost nach Hause tragen, wie war die Fülle gegliedert und wie hat sich das Eine aus dem Anderen ergeben. Dem will ich in ich in meiner Ausarbeitung abhelfen, indem ich den Aufbau seiner Schriften durch die Auswahl der Zitate und durch meine kurzen Erläuterungen verdeutliche.

Dass religiöse Lehren und Vorstellungen keinen Realitätsbezug haben, hat Freud vorstehend dargetan. Jetzt kann er sie als Illusion decouvrieren und diese Illusionen gleichzeitig in ihrer kulturellen Relevanz bewerten.

„Wir heißen also einen Glauben, eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet.

Wenden wir uns nach dieser Orientierung wieder zu den religiösen Lehren, so dürfen wie wiederholend sagen: sie sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühsam über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie – mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede – den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar“ (a.a.O. S.354).

Seit Kant gehen wir davon aus, dass man weder Gott und die sonstigen traditionellen metaphysischen Aussagen noch das Gegenteil dieser religiösen Lehren beweisen kann. Auch wenn Freud voll und ganz diesen Standpunkt ebenfalls vertritt, ist er kein Agnostiker, sondern ein überzeugter Atheist, der den Wahrheitsgehalt der Religionen aus den eben genannten agnostischen Gründen nicht untersuchen will, sondern aus der Realitätsferne und der teilweisen Absurdität der Religionen sowie aus deren  starker Wunschbezogenheit zum Ergebnis kommt, die religiösen Lehren seien Illusionen deren Genese teilweise bis zu den Wahnideen hinunterreiche.

Zum Schluss dieser Betrachtung stellt sich die Frage, wie sich Freud die Zukunft seiner vorher so bewerteten Illusion vorstellt.

Er erkennt zwar die großen Leistungen an, die die Religionen für die Entstehung, den Bestand der Kultur und für die Tröstung der Menschen erbringen. Er widerspreche aber Meinung, dass der Mensch diese Zusprache nicht entbehren und ohne sie die Lebenslast nicht ertragen könne. Dieses große Bedürfnis, das aus der Kindheit stamme und sich im Infantilismus der Erwachsenen fortsetze, müsse überwunden werden. „Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muss endlich hinaus, ins feindliche Leben. Man darf das die Erziehung zur Realität heißen. Es ist die einzige Absicht meiner Schrift, auf die Notwendigkeit dieses Fortschritts aufmerksam zu machen“ (a.a.O.  S.373).

Die Emanzipation der Menschen von den religiösen Fesseln ist Freuds Hauptanliegen. Dadurch, dass der Mensch seine Erwartungen vom Jenseits abziehe und alle frei gewordenen Kräfte auf das irdische Leben konzentriere, könne er wahrscheinlich erreichen, dass das Leben für alle erträglicher werde und die Kultur keinen mehr erdrücke. Dann werde der Mensch mit Heinrich Heine sagen können: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“ (a.a.ao. S. 375/376)

Hier könnte mein Bericht eigentlich enden, aber Freud will seinem Resümee noch zwei Gedanken anfügen, die einmal darauf abzielen, diese seine Schrift als das Werk eines Psychologen darzustellen, der aus seinen beruflichen Erkenntnissen Schlüsse auf die Kultur und die Religion ziehen kann und der andererseits der Wissenschaft ein religiöses Moment einräumen will, und sie damit quasi zum Ersatz für die obsolete Illusion macht.

Zum ersten führt Freud aus: „Ein Psychologe, der sich nicht darüber täuscht, wie schwer es ist, sich in dieser Welt zurecht zu finden, bemüht sich, die Entwicklung der Menschheit nach dem bisschen Einsicht zu beurteilen, das er sich durch das Studium beim Einzelmenschen während dessen Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen erworben hat. Dabei drängt sich ihm die Auffassung auf, dass die Religion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei, und er ist optimistisch genug anzunehmen, dass die Menschheit diese neurotische Phase überwinden wird, wie so viele Kinder ihre neurotische Phase auswachsen“ (a.a.O. S. 376/377).

Zum zweiten das folgende abschließende Zitat:  

„Die vom Druck der religiösen Lehren befreite Erziehung wird vielleicht nicht viel am psychologischen Wesen der Menschen ändern…..Das Interesse an Welt und Leben werden wir darum nicht verlieren, denn wir haben an einer Stelle einen sicheren Anhalt… Wir glauben daran, dass es der wissenschaftlichen Arbeit möglich ist, etwas über die Realität der Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können“ (a.a.O. S.378/379).

Dass dieser Ersatzglaube an die salvierende Wirkung der Wissenschaft ebenfalls eine Illusion sein könnte, hält Freud für möglich. Da bin ich ganz auf seiner Seite.